Wenn Trockenheit auf Unwetter trifft
Eine Bestandsaufnahme
Was mit einer Unwetterwarnung der Stufe 3 für den Abend des 19.08.2026 im Kreis Neuwied begann, entwickelte sich zu einem heftigen Unwetter. Gewarnt wurde vor heftigem Starkregen von um die 30 l/m², Hagel, Gewitter und orkanartigen Böen von bis zu 120 km/h.
Beim großen Määähdelstrupp am Engerser Deich zog es die, durch die andauernde Trockenheit, gefühlt festbetonierten Stäbe des Schafzauns aus dem Boden, die schwere Metallbox mit Weidezaungerät und Batterie konnten wir ein paar Meter weiter einsammeln, es hagelte ordentlich und das ein oder andere Pelzschaf hatte durch die orkanartigen Böen keine Locken mehr… bei den Jungs kam so viel Wasser, durch den Wind auch waagerecht herunter, dass man innerhalb von 1-2 Minuten durch und durch nass war… und beim kleinen Määähdelstrupp auf der Streuobstwiese gingen zum Glück nur ein paar Äste ab, aber ohne, dass ein Schaf verletzt oder einer der Unterstände Schaden nahm.
Anders sah es rundherum aus. Dächer wurden abgedeckt, Bäume und Strommasten wurden umgelegt, sodass es im Stadtgebiet zu Stromausfällen kam. Feuerwehr, THW und die Service Betriebe der Stadt Neuwied waren noch bis spät in die Nacht im Einsatz, wobei die Aufräumarbeiten auch noch die nachfolgenden Tage bzw. nach wie vor andauern.
Nachdem, wir uns durch teilweise, interessante abenteuerliche Routen zu den verschiedenen Schafgruppen „durchgeschlagen“ hatten und dort zum Glück kein Tier verletzt vorfanden oder größere Schäden entstanden sind, wurde erstmal bei uns zu Hause gewischt, dort hatte es nämlich in unserer Abwesenheit mehr und weniger Wasser durch die Fenster gedrückt.
In den nächsten Tagen ging es dann zur Bestandsaufnahme zu den verschiedenen Flächen die wir Beweiden und die Bilanz ist schon recht unschön, denn gerade auf den Streuobstwiesen hat das Wetter mitunter deutliche Spuren hinterlassen.
Von Astbruch, aufgerissenen Kronen & entwurzelten Bäumen
…war so ziemlich alles vertreten. Manche Streuobstwiesen hat es weniger erwischt, andere dafür mit Ausfällen von bis zu 40%.
Solche Bilder führen einen unweigerlich zu der Frage, ob die Streuobstbestände den zunehmenden Wetterextremen noch gewachsen sind.
Ein Baum, der während eines Unwetters umstürzt, ist zunächst einmal nur ein Sturmschaden.
Allein aus dem Schadensbild lässt sich nämlich nicht ableiten, warum genau dieser Apfelbaum dem Wind nicht standgehalten halt, während der Danebenstehende es tat. Windgeschwindigkeit und -richtung, Kronengröße- und -aufbau, Pflegezustand, Durchwurzelung, Vitalität des Baumes, Bodenverhältnisse, Vorschädigungen, sei es durch Krankheit, vorangegangene Sturmschäden oder auch Dinge wie beispielsweise eine schadensanfällige Wuchsform wie ein „Zwiesel“, uvm. spielen dabei in so mannigfaltiger Art und Weise zusammen, dass eine klare Aussage nur sehr schwer zu treffen ist.
Aber Fakt ist, es trafen damit in kürzester Zeit wieder einmal zwei gegensätzliche Situationen aufeinander:
Anhaltender Wassermangel & ein extremes Unwetter mit Starkregen und Sturm.
Es lohnt sich also ein genauer Blick auf die Bedingungen, unter denen die Streuobstbäume heute wachsen.
Vor dem Unwetter war die Trockenheit
Hat Trockenstress etwas mit den Sturmschäden zu tun?
Der Zeitpunkt des Ereignisses ist insofern „besonders“, als das nur einen Tag zuvor, am 18.08.2026, die Kreisverwaltung Neuwied aufgrund der anhaltenden Trockenheit und der damit einhergehenden sinkenden Wasserstände, die Wasserentnahme aus Oberflächengewässern im Landkreis bis auf Weiteres untersagt hat.
Die Untere Wasserbehörde begründete diese Maßnahme mit der anhaltenden Trockenheit, beziehungsweise den nicht ausreichenden Niederschlägen. Auch der bis dahin gefallene Regen habe die Situation noch nicht wesentlich verändert.
Gerade für langlebige Gehölze, wie unsere Obstbäume, ist dabei aber nicht nur entscheidend, wieviel Regen in den vergangenen Tagen gefallen ist, sondern auch wie es um den Wasserhaushalt des gesamten durchwurzelbaren Bodens steht.
Hierbei hilft der Dürremonitor des Helmholtz- Zentrums für Umweltforschung (UFZ) bei der Einordnung.
Der Dürremonitor unterscheidet zwischen dem Oberboden (bis 25 cm Tiefe) und dem Gesamtboden (bis 1,80m Tiefe)- natürlich abhängig davon, wie tief der Boden am jeweiligen Standort tatsächlich ist.
Deutschlandweit fielen bereits im meterologischen Frühjahr nur etwa 70% der langjährigen Niederschlagssumme. Während sich die Situation im Oberboden regional sehr unterschiedlich darstellte und sich durch vereinzelte Niederschläge teilweise entspannte, war die Dürreintensität im Gesamtboden deutlich stärker ausgeprägt.
Das UFZ weist auch ausdrücklich darauf hin, dass kurze nasse Phasen generell nicht ausreichen, um eine Dürre im Gesamtboden aufzulösen. Ein kräftiges Gewitter und nasse Wiesen bedeuten daher nicht zwangsläufig, dass ein zuvor aufgebautes Wasserdefizit in tieferen Bodenschichten ausgeglichen ist.
Hat die vorherrschende Trockenheit im Ober- aber auch im Gesamtboden die Bäume also vielleicht anfälliger für den Sturm gemacht?
Die Antwort ist: Wir wissen es nicht.
Auch wenn sich diese Frage durch den Anblick der immensen Sturmschäden und der vorangegangenen Trockenperiode- die im Vorfeld schon zu sichtbarem Trockenstress der Bäume, wie Blattwurf etc. geführt hat- unweigerlich aufkommt, ist diese Hypothese gerade in Bezug auf Streuobstwiesen, bislang nur unzureichend untersucht.
Die Forschung an Bäumen zeigt jedoch, dass Trockenheit Einfluss auf die Wurzelentwicklung, Vitalität, hydraulische Funktion und das Holzwachstum haben kann. Gleichzeitig sind Wurzelarchitektur, Boden und die Verankerung des Wurzel-Boden-Systems entscheidende Faktoren für die Widerstandsfähigkeit gegenüber Wind. Ob und in welchem Umfang diese Zusammenhänge aber auf Hochstamm-Streuobstbestände übertragbar sind, ist aber wie bereits erwähnt, leider noch nicht hinlänglich untersucht.
Exkurs
Wasserversorgung eines Baumes
Ein ausgewachsener Obstbaum kann an warmen Sommertagen viel Wasser benötigen. Aufgenommen wird es vor allem über junge, feine Wurzeln mit großer Oberfläche.
Von dort gelangt das Wasser über das Xylem, das wasserleitende Gewebe, durch Stamm und Äste bis zu den Blättern. Angetrieben wird dieser Wasserstrom vor allem durch die Verdunstung an den Blättern, die sogenannte Transpiration.
Das Wasser tritt hierbei durch kleine Öffnungen (Stomata), nach außen aus. Dadurch entsteht im zusammenhängenden Wasserleitsystem ein sogenannter Transpirationssog, der weiteres Wasser aus dem Boden nachzieht.
Dabei hilft die Kohäsion: Die Wassermoleküle haften so aneinander und können eine zusammenhängende Wassersäule bilden. Zusätzlich haften sie außerdem durch die Adhäson an den Wänden der Leitungsbahnen, was ebenfalls den Wassertransport im Xylem unterstützt.
Unter sehr trockenen Bedingungen kann diese Wassersäule jedoch abreißen; man spricht dann von einer Embolie.
Außerdem kann der Wassertransport bei Wassermangel durch das Schließen der Spaltöffnungen, deutlich eingeschränkt werden.
Für einen Baum ist deshalb nicht allein entscheidend, wie viel Regen fällt, sondern auch, wie viel Wasser in den Boden eindringt, dort gespeichert wird und für die Wurzeln erreichbar bleibt.
Boden & Wurzelsystem
Das Wurzelsystem eines Obstbaumes reicht meist deutlich über den Bereich direkt um den Stamm hinaus.
Viele der Feinwurzeln befinden sich in gut durchlüfteten und für Wurzeln zugänglichen Bodenschichten. Wie tief sie reichen, hängt stark vom jeweiligen Standort ab.
Ein tiefgründiger, gut strukturierter Boden bietet andere Möglichkeiten als ein verdichteter, flachgründiger oder steiniger Boden.
Auch Bodenart, Grundwasserstand, Niederschlagsverteilung, Obstart und verwendete Unterlage beeinflussen das Wurzelsystem.
Häufig unterstützen auch Mykorrhizapilze die Aufnahme von Wasser und Nährstoffen, da sie in Symbiose mit den Wurzeln des Baumes Leben.
Ältere, stärker verholzte Wurzelabschnitte dienen vor allem der Leitung und Stabilisierung; sie können in der Regel weniger Wasser aufnehmen als junge Feinwurzeln.
Die zeitliche Nähe zwischen Trockenheit und Unwetter ist deshalb kein Beleg dafür, dass Trockenstress die Bäume anfälliger gemacht hat, aber auch dieser Faktor wird in einem gewissen Maße zumindest auf die Vitalität des Baumes Einfluss gehabt haben.
Nichtsdestotrotz nehmen wir dieses Ereignis zum Anlass, die Entwicklung der Bestände genauer zu betrachten.
Denn die eigentliche Frage reicht bedeutend weiter: Wie müssen wir Streuobstwiesen entwickeln, damit sie mit längeren Trockenperioden, Hitze und vorallem mit den zunehmenden Wetterextremen zurechtkommen?
Was pflanzen wir HEUTE für die nächsten Jahrzehnte?
Bei dieser Frage geht es nicht nur um die Obstsorte. Die Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) beschäftigt sich derzeit gezielt damit, welche Sorten für zukünftige Standortbedingungen geeignet sein könnten. Gleichzeitig rückt ein Teil des Obstbaumes, den man nach der Pflanzung kaum noch sieht, nochmals stärker in den Fokus: die Unterlage und damit das Wurzelsystem.
Seit 2025 untersucht die LWG in einem fünfjährigen Forschungsprojekt alternative Apfel- und Birnenunterlagen für klimaresiliente Streuobstpflanzungen. Dazu gehören unter anderem auch Stresstests zur Trockenheitsverträglichkeit. Gerade bei Hochstämmern ist das spannend. Wir pflanzen einen Baum schließlich nicht nur für die nächsten 10 Jahre, sondern im besten Fall für die nächsten 80 und mehr.
Für klimaresiliente Streuobstbestände sollte neben Sorte und Unterlage deshalb auch auf den Standort und Boden darunter geschaut werden. Ein tiefgründiger, stabiler und gut durchwurzelbarer Boden kann mehr Wasser speichern und für Pflanzen verfügbar machen als ein flachgründiger oder stark verdichteter Boden. Wie viel davon tatsächlich pflanzenverfügbar ist, hängt aber unter anderem von Bodenart, Porenverteilung, Durchwurzelung und Wasserbindung ab.
Gleichzeitig sollte Niederschlag möglichst in der Fläche versickern, statt oberflächlich abzufließen. Eine gute Infiltration kann dazu beitragen, Niederschlagswasser im Boden zu speichern und für die Vegetation verfügbar zu machen. Sie garantiert jedoch keine ausreichende Wasserversorgung, da das Wasser auch unterhalb des erschlossenen Wurzelraums versickern oder durch Evapotranspiration (Verdunstung aus Boden & Vegetation) wieder verloren gehen.
Wir sollten also genau beobachten, welche Bäume, Sorten-Unterlagen-Kombinationen und Bewirtschaftungsformen unter den jeweiligen Bedingungen an unserem Standort auch in der Praxis funktionieren.
Streuobst erhalten, heißt auch dazuzulernen
Das Unwetter vom 19.08. hat einige der Streuobstbäume dauerhaft verändert und andere ganz aus dem Bestand genommen. Solche Schäden gehören bis zu einem gewissen Grad zu alten, dynamischen Streuobstbeständen dazu. Gleichzeitig verändern sich die Bedingungen, unter denen wir diese Bestände erhalten und neue Bäume pflanzen. Es wird deshalb nicht die eine „klimafeste“ Sorte oder die eine richtige Maßnahme geben.
Viel wichtiger erscheint uns Boden, Standort, Sorte, Unterlage & Pflege noch mehr zusammenzudenken und ganzheitlicher zu betrachten und vorallem den Bestand zu beobachten und diese Erfahrungen festzuhalten und daraus zu lernen.
Denn Streuobstwiesen zu erhalten bedeutet für uns nicht, sie in ihrem heutigen Zustand einzufrieren, sondern ihre Vielfalt zu bewahren und gleichzeitig herauszufinden, wie diese besondere Kulturlandschaft auch unter veränderten Bedingungen weiterbestehen kann.
Quellenverzeichnis
Deutscher Wetterdienst (DWD): Unwetterwarnungen für den Kreis Neuwied vom 19.08.2026. Die genannten Werte sind Warnparameter bzw. prognostizierte Begleiterscheinungen und nicht automatisch Messwerte des konkreten Standortes
Stadt Neuwied / Stadtwerke Neuwied (20.08.2026): Unwetter in Neuwied: Servicebetriebe werden tagelang aufräumen.
Kreisverwaltung Neuwied (18.08.2026): Keine Wasserentnahme aus Oberflächengewässern. Untere Wasserbehörde des Landkreises Neuwied.
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ: Dürremonitor Deutschland.
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ (22.06.2026): Frühjahrs-Bilanz 2026. Hydro-meteorologische Einordnung des niederschlagsarmen Frühjahrs 2026.
Girona, J.; Mata, M.; del Campo, J.; Biru, A.; Paris, C.; Blanco, V. (2025): Apple trees’ behavior to a single-season megadrought stress. Irrigation Science 43, 871–886. DOI: 10.1007/s00271-025-01017-w.
Kuzee, T.; Locatelli, T.; Robinson, S.; Perks, M. P.; Burgess, P. J.; Khouakhi, A. (2026): A review on the resilience of temperate forests to extreme precipitation and wind events. Frontiers in Forests and Global Change 9:1746510. DOI: 10.3389/ffgc.2026.1746510.
Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG): Alternative Unterlagen für klimaresiliente Streuobstpflanzungen. Forschungs- und Innovationsprojekt, Laufzeit 01.01.2025–31.12.2029.
Weiterführende Literatur
Marini, R. P.; Barden, J. A.; Schupp, J. R. (2001): Wind effects on apple in the Eastern United States. HortScience 36(2), 247–249. DOI: 10.21273/HORTSCI.36.2.247.
Schliebner, S.; Decker, P.; Schlitt, M. (2023): Streuobst im Klimawandel – Ein Leitfaden. Internationales Begegnungszentrum St. Marienthal / Oberlausitz-Stiftung, 76 S.



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